- Claudio Laible

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Über ein Jahr selbständig und wie es sich anfühlt.
Erstellt: 05. März 2026 von Claudio Laible
Es gibt eine Frage die ich im letzten Jahr öfter gehört habe als jede andere. Beim Kaffee, beim Familienfest, im Gespräch mit alten Arbeitskollegen. „Wie läuft's so in der Selbständigkeit?"
Meine Antwort: gut. Wirklich gut – und ich bin happy damit.
Aber die vollständige Antwort braucht etwas mehr Platz.

Selbst. Und ständig.
Das Wort verrät eigentlich alles. Selbständig – selbst und ständig. Ich musste darüber schmunzeln als ich das das erste Mal so gehört habe. Und dann merken: es stimmt halt.
Nicht im negativen Sinn. Aber es ist eine Realität die man aktiv managen muss. Es gibt Abende beim Bier mit Freunden wo der Kopf noch irgendwo beim letzten Kundengespräch ist, bei einem offenen Angebot, bei einer Idee die sich festgesetzt hat. Das Abschalten funktioniert anders als früher – oder genauer gesagt, man muss es erst neu lernen. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben ist fliessend, und das ist gleichzeitig das Schönste und die grösste Challenge daran.
Der Moment vor dem leeren Bildschirm
Irgendwo in den ersten Monaten. Freitagvormittag, keine Kundentermine, eigentlich perfect. Ich hatte eine Liste – Angebote, Strategie, Content, Buchhaltung, Mails. Alles irgendwie wichtig, alles irgendwie dringend.
Ich habe mich hingesetzt. Und dann – zu viel. Nicht zu wenig Energie, sondern zu viele offene Fäden gleichzeitig. Am Ende des Tages hatte ich an zehn Dingen ein bisschen gearbeitet und nichts wirklich fertig. Das war eine neue Challenge. Und eine ungewohnte.
Seit ich 15 bin habe ich immer gearbeitet – immer in Strukturen die von aussen kamen. 21 Jahre lang. Vorgegebene Zeiten, klare Prioritäten, jemand der Entscheidungen mitträgt. Das prägt. Und dann plötzlich: niemand ausser mir selbst.
Was Freiheit wirklich bedeutet
Ich arbeite heute dann wenn ich produktiv bin. Manchmal abends, manchmal am Sonntag, manchmal mache ich mittags einen Powernap weil mein Kopf eine Pause braucht. Ich mache unter der Woche Sport wenn die Sonne scheint und arbeite dafür später. Das ist kein Zufall – das ist eine bewusste Entscheidung.
Aber was ich unterschätzt hatte: Freiheit ist nicht einfach die Abwesenheit von Struktur. Sie bedeutet dass man sich selbst kennen muss. Wann man leistungsfähig ist, wann man aufhören soll, wie man mit Phasen umgeht in denen viel läuft – und mit denen in denen wenig läuft. Das lernt man nicht in einem Kurs. Das lernt man durch Erleben.
Die Dinge über die wenig gesprochen wird
Verantwortung zum Beispiel. Im Angestelltenverhältnis trägt man sie – aber man teilt sie. Als Selbständiger trägt man sie allein. Jede Entscheidung, jede Absage, jedes Projekt das man annimmt oder ablehnt. Das ist nicht erdrückend. Aber es arbeitet still im Hintergrund.
Oder die Monate in denen weniger läuft. Nicht weil die Arbeit schlechter wird – manchmal ist es einfach so. Diese Phasen sind mental eine echte Challenge. Man beginnt zu hinterfragen, zu rechnen, kurz zu zweifeln. Und gleichzeitig weiss man eigentlich: das gehört dazu. Bueno, weiter.
Was mir geholfen hat: Klarheit vor dem Start. Nicht starre Planung – sondern ein, zwei Dinge die heute wirklich wichtig sind. Fertig machen. Dann weiter. Dazu Rhythmus statt Uhrzeiten, Sport als mentale Infrastruktur, Pausen als Teil des Systems. Und die Erkenntnis dass Qualität Energie kostet – nicht nur Zeit. Ich kann nicht zehn Projekte gleichzeitig auf dem Niveau betreuen das ich mir vorstelle. Also entscheide ich mich bewusst für weniger. Mehr Tiefe, weniger Breite. Das ist keine romantische Haltung – das ist pragmatisch.
Nach über einem Jahr
Es war weniger linear als ich dachte. Leichte Monate, harte Monate, Tage mit viel Klarheit und Tage mit keiner. Dinge gelernt die in keinem Business-Buch stehen – weil sie nicht über Business handeln, sondern über einen selbst.
Was geblieben ist: die Überzeugung dass es der richtige Weg ist. Nicht weil er einfacher wäre. Sondern weil er meiner ist und mich happy macht.
Die Frage „wie läuft's so?" werde ich weiter kurz beantworten. Gut. Wirklich gut – und ich bin happy damit.
Jetzt weiss ich aber auch was dahinter steckt.



